Erhellende Inspiration: Die Ausstellung von Linda Schwarz im Spitäle Würzburg

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Das Würzburger Spitäle an der Alten Mainbrücke hat schon viel erlebt. Im Mittelalter war sie die „Spitalkirche zu den Vierzehn Nothelfern“. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie dann zum Ort der Kunst, wieder aufgebaut von den Aktiven der Vereinigung Kunstschaffender Unterfrankens. Diesen Februar erlebt das Spitäle eine Ausstellung, die den Bau in ganz neuem Licht erscheinen lässt: „VersinnLICHT“ heißt die Ausstellung der Künstlerin Linda Schwarz, einer Freundin der FREUNDE von der Kunstwerkstatt.

Es bezaubert uns, was die auf Schloss Homburg im Landkreis Main-Spessart lebende und arbeitende Linda Schwarz im Würzburger Spitäle ausstellt: Rund 50 Werke mit Leuchteffekt. Denn sie verwendet fluoreszierende Spezialpigmente, die im Dunkel leuchten und den Bildern eine Tag- und eine Nachtsicht verleihen. Worte können nur unzulänglich beschreiben, was einem beim Durchstreifen bis zum 25. Februar andauernden Ausstellung durch Kopf, Herz und Gefühlshaushalt geht. Weil wir aber die hochoffizielle Genehmigung zum Abdruck haben, verlieren wir doch ein paar Worte – und zitieren ausführlich aus der Eröffnungsrede der Vernissage:

Am Anfang stehen die Fragen

„Darf man die unergründliche Frage stellen: Was führen Sie im Schilde?“

Das ist eine der Fragen, die uns beim Durchstreifen und beim Erleben dieser Ausstellung hier begegnen könnten – wenn wir uns ein bisschen Zeit nehmen, wenn wir genau hinschauen. Und noch eine Frage, die uns dann möglicherweise begegnet und ein Stück begleitet, in den Alltag und vielleicht auch in unsere Träume:

„Wie werde ich ein Traum-Typ?“ Und noch eine, eine Lieblingsfrage:

„Einmal die Tonleitern des Fächerschwanz-Kuckucks zu hören. Wäre das nicht wunderbar?“

Es sind Fragen, die Linda Schwarz aufgefallen sind. Es sind Fragen, die sie gelesen und die sie auf-gelesen hat im Laub des Blätterwalds – und die ohne Linda Schwarz im alltäglichen Grundrauschen untergegangen und für immer verloren wären. Fragen und Formulierungen, die der uns umgebende mediale Output ständig auswirft: in Zeitungen und Zeitschriften, im Radio, in Filmen, auf Litfaß-Säulen oder vielleicht auch als Bemerkung am Frühstückstisch – und die Linda Schwarz aufgreift und einsortiert – die sie, zunächst mal als Möglichkeit, hinein gibt in den Material-Fundus ihrer Bildenden Kunst.

Aus-Lese bei der Zeitungslektüre

003Und das ist ein Fundus, der ständig wächst. Neue Fragen kommen hinzu, andere Sätze, Headlines und Slogans. Neue Zufallsbegegnungen wie diese hier:

„Das Ändern leben“

„Vertrauen ist die stille Art von Mut.“

Oder auch: „Einmal am Tag NEIN sagen.“

Wenn die Künstlerin Linda Schwarz Zeitung liest, meisten geschieht das am Lese-Platz, auf Schloss Homburg mit Blick ins Maintal, dann liegt die Schere immer griffbereit in der Nähe. Denn Lesen hat bei Linda Schwarz immer auch mit Aus-Lese zu tun, mit Aus-Schnitten – und mit Lese im Sinne von Ernte.

Ihre Ernte-Speicher, das sind kleine blaue Plastikschütten, die im Atelier nebeneinander stehen und die Linda Schwarz mit Fundstücken befüllt: mit Fragen, Sätzen, mit einzelnen Buchstaben, aus der Süddeutschen, aus der Main-Post oder der FAZ, mit Augenpaaren oder Mundpartien aus Zeitschriften – und vor allem: mit einem untrüglichen Gespür für das Besondere im Banalen, für das Tiefgründige im Oberflächlichen und für das Mehrdeutige in dem, was nur beim flüchtigen Blick eindeutig erscheint.

Irgendwann macht es PLOPP

004Und so ist eine Grundlage der Kunst von Linda Schwarz eine beständige Aufmerksamkeit: Eine immer auf Empfang geschaltete Offenheit für das Andere und für den und die Anderen. Mit dieser Offenheit wird man übrigens auch aufs Angenehmste konfrontiert, wenn man mit Linda Schwarz spricht, wenn man mit ihr im Gespräch ist. Und es ist diese ständige Empfangsbereitschaft, die dafür sorgt, dass Linda Schwarz besonders dann voll und ganz da ist, wenn ES passieren könnte im künstlerischen Prozess. Wenn ES PLOPP oder sonstwie macht, was immer ES ist oder was immer ES werden könnte: Wenn irgendwas im Fundus – ein Spruch, eine Frage, ein Wort – sie anspringt und zum Gedanken-Anstoß wird, einen Funken auslöst, und vielleicht ein Kunstwerk auf den Weg bringt.

Vorhersehbar ist das alles nicht. Es ist nicht vorhersehbar, wann und woraus sich so ein Funke entzündet. Ganz sicher aber ist: Bei Linda Schwarz und ihrem Werk tritt zu diesem Moment des nicht-Planbaren und zur Bereitschaft, sich auf das nicht-Planbare einzulassen, noch etwas Anderes, ganz Entscheidendes: nämlich die künstlerische Perfektion und eine, ich will es mal „wissenschaftlich anmutende Akribie“ nennen – eine wissenschaftliche Akribie, die begleitet ist von lustvoller Neugierde im Hinblick auf Material und auf Techniken der Bearbeitung dieses Materials.

Kunst als lustvolle Materialwissenschaft

Das äußert sich auf verschiedene Weise. Linda Schwarz kann zum Beispiel Wochen damit zubringen, das Fließverhalten einer bestimmten Tinte auf einem bestimmten Papier zu studieren. Sie verblüfft Papier- und Tintenhersteller weil sie als einzige Anwenderin überhaupt bemerkt und fundiert kritisiert, dass die Rezeptur einer Tinte oder eines Papiers ohne Vorankündigung und ganz minimal – aber für Linda Schwarz eben doch entscheidend – verändert worden ist.

Linda Schwarz ist eine akribische Wissenschaftlerin und sie forscht ohne Scheuklappen. Papierrestauratoren fragen sie um Rat. Mit großer Hingabe probiert, kreiert und variiert sie Druck- und Mal- und Zeichentechniken. Zum Beispiel, um für ihre irisierenden „Punkte-Tiraden“, die hier vorne auf dieser Seite gehängt sind, die allerkleinsten der unzähligen Punkte und Pünktchen zu setzen. Letztlich waren es dann glaube ich mit Korken kombinierte Nadeln, die sich als die besten aller möglichen Mikro-Pinsel erwiesen haben.

Und an dieser Stelle sind nun auch die fluoreszierenden Pigmentfarben hervorzuheben, mit denen Linda Schwarz seit einigen Jahren experimentiert: Nacht-leuchtende Malmittel, die den Kunstwerken eine Tag- und eine Nachtsicht und faszinierende Dazwischen-Stadien verschaffen und uns allen besondere Rezeptions-Erlebnisse. Und deshalb ist es auch schön, dass diese Ausstellung hier in einem Februar stattfindet, mit seinen rasch wechselnden Lichtverhältnissen, so dass die Ausstellungsbesucher, die bis zum 25. Februar hoffentlich zahlreich und vielleicht ja auch mehrfach, zu unterschiedlichen Zeiten hierher kommen, die verschiedenen Ansichten der Werke dann auch erleben können.

Erhellende Momente mit Tag- und Nachtansicht

006Für das Moment des Hoch-Spezialisierten in der Kunst von Linda Schwarz sorgen auch die Bild-Träger. Sie verwendet zum Beispiel beste belgische Leinwand, japanische und chinesische Spezialpapiere – oder auch handgefertigtes Bütten, häufig aus der Homburger Papiermühle von Johannes Follmer, nur 800 Meter entfernt vom Atelier auf Schloss Homburg, wo Linda Schwarz seit 1998 mit ihrer Familie wohnt.

Unter der Verwendung der beschrieben Nischen-Produkte –- bringt Linda Schwarz ansonsten Getrenntes zusammen: Sie konfrontiert das Massenmediale, das alltägliche und zunächst mal Oberflächliche des POP sozusagen mit der Hoch-Kultur auf der Ebene des zum Einsatz kommenden Materials: erlesene Pigmente, Farben, Bildträger. Was so entsteht, sind neue Zusammenhänge. So entstehen Frei-Räume, in denen die Formulierungen, Fragen und Phrasen aus den Massenmedien ein neues Leben entfalten können: ein Leben in künstlerischer Freiheit.

Jenseits von werbender Anmache und einer im Moment der Veröffentlichung schon vergehenden Tagesaktualität bekommen so der Satz, das Wort, der Buchstabe die Freiheit zurück, ein Eigen-Leben zu entwickeln: mit Mehrdeutigkeiten, Nuancen und Zwischentönen. Eben mit dem, was das Leben und die Kunst interessant macht.

Prägende Jahre in den USA

Zu Gute kommt Linda Schwarz bei all diesen Unternehmungen und Erkundungen – und da bin ich bei einer weiteren Grundlage ihres künstlerischen Schaffens – ihre fundierte Ausbildung. Eine Ausbildung mit ganz unterschiedlichen Lehrmeistern und Lernorten.

002Das lebenslange Lernen beginnt mit der Geburt in Stuttgart und führt über einige Nebenstraßen letztlich unaufhaltsam in die Kunst. Eine erste Wegmarke ist die Freie Kunstschule in Stuttgart. Den Semestern dort folgen dann der Umzug in die Große Stadt, nach Berlin, und das Studium der Bildhauerei und Musikwissenschaft an der Hochschule der Künste. Und zwischen den Stationen in Berlin, zwischen der Neu-Studentin und der Meisterschülerin, stehen drei prägende Jahre in den USA. Zu nennen sind hier vor allem die Universität von Minnesota und Studien, die der Expertise von Linda Schwarz Kenntnisse im Bereich der Druckgrafik hinzufügten. Als Assistentin von Professor Karl Bethke arbeitete sie in der Druckwerkstatt der Uni von Minnesota. Dem Diplom in Berlin folgte eine ebenso intensive Zeit praktischer Arbeit in New York, in der Druckerei von wegweisenden Künstlern wie Robert Rauschenberg und Jasper Johns, bevor es dann wieder nach Berlin ging, nun als Meisterschülerin. Und enge Verbindungen in die USA gibt es bis übrigens heute, in Form von Vorträgen und Workshops, zu denen Linda Schwarz als Dozentin oder Visiting Artist eingeladen wird – oder auch durch die Präsenz auf Kunstmessen in den USA.

Dort in den USA hat Linda Schwarz also ihr Faible entwickelt für experimentelle Drucktechniken – und bis heute weitet und verfeinert sie ihre Kenntnisse auf diesem Gebiet. Und, das ist ein weiteres Merkmal: Linda Schwarz legt sich nicht fest, sie ruht sich nicht aus, sie MACHT DRUCK – auch sich selbst, etwas Neues wagen, Dinge auszuprobieren. Aber Vielfalt meint nicht Beliebigkeit. Die Kunst von Linda Schwarz führt das exemplarisch vor Augen. Diese zeichnet sich aus durch konzeptionelle Strenge und – bei aller Vielfalt – durch inhaltliche und formale Konstanten, die als Verbindungslinien die einzelnen Werk-Komplexe miteinander verknüpfen. Manchmal ja sogar als Nacht-leuchtende Verbindungslinie.

Sprach-Bilder und Bild-Sprache

Eine solche Konstante ist die große Affinität zur Sprache, zur gesprochenen und zur Schrift-Sprache. Auch hier waren die Jahre in den USA prägend. Denn dort, in der Fremde, hat die gebürtige Stuttgarterin ein tiefes Bewusstsein für SPRACHE, für IHRE SPRACHE entwickelt. Drüben, überm großen Teich, in der Neuen Welt, hatte sie zum Beispiel den Hölderlin dabei, als einen Begleiter aus der Alten Welt, und aus diesen ersten engeren Kontakten mit Hölderlin sollte eine Beziehung werden, die bis heute anhält. Ebenso übrigens wie beispielweise zur Musik Johann Sebastian Bachs.

In dieser Zeit in den USA jedenfalls, wo SPRACHE und KOMMUNIKATION ihre Selbstverständlichkeit verloren haben, begann Linda Schwarz ihre intensive Auseinandersetzung mit dem gedruckten Wort und sehr bald schon auch bild-künstlerische Auseinandersetzung mit Sprache und mit Schrift: mit der Dynamik und ästhetischen Kraft von Sprach-Bildern und Schrift-Bildern, von Fraktur, Sütterlin oder Zeitungs-Headlines.

Die Ausstellung „Ver-Sinn-Licht“ versammelt rund 50 Positionen aus den Jahren 2011 bis 2018, am aktuellsten Werk hat Linda Schwarz bis heute gearbeitet.Zu sehen und zu erleben sind Collagen, Linolschnitte und Transferlithografien, Arbeiten mit Tusche, vielfach mit den erwähnten fluoreszierenden Pigmenten, Arbeiten auf grundierter Leinwand, auf Baumwollbütten oder Holz, Bildträger von Großformat bis zur Karteikartengröße.

Einladungskarten zum Gedankenanstoß

001Die Karten rahmen den Ausstellungsraum gleichsam ein. Durch ihre direkte Art der Ansprache sind sie letztlich Einladungskarten an uns alle und damit ein Sinnbild für diese Ausstellung im Gesamten: eine Einladung, in Dialog zu treten, mit der Kunst, mit uns selbst, mit anderen – und mit der Künstlerin. Denn Linda Schwarz liebt es, nicht ausschließlich durch ihre Kunst mit uns in Kontakt zu kommen. Sie freut sich über Fragen und Reaktionen, ist ansprechbar und gibt  gerne Hinweise, was es beispielsweise mit den MIND MAP-Bildern auf sich hat – oder was den Auslöser gab, die durch „Signaturen“ berühmter Künstler inspirierte Serie anzufertigen, die oben auf der Empore gehängt ist.

Abschließend ein Zitat aus dem Begleitblatt zur Ausstellung:

„Die Wände bieten nun eine Inspirationsquelle. Verweilen Sie. Echte Einlassung ist das Allertollste, oder? Gehen Sie auf Entdeckungsreise.“

 

 

 

 

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